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Frontier Pioneer

Der österreichische Bassist und Komponist Franz Pillinger zählt heute zu den kreativsten und eigenwilligsten Persönlichkeiten des internationalen Musiklebens. Er geht seinen ganz individuellen Weg, fühlt sich keiner der herrschenden Ideologien einer „Neuen Musik“ zugehörig, hat sich von Schulen und Gruppen längst verabschiedet und das Crossover-Denken in bestechender Originalität zu seinem Credo gemacht. So kann man den Musiker Franz Pillinger als Interpreten eigener Performances erleben wie mit einer Adaption von Schuberts Arpeggione-Sonate, mit den Standardwerken des Kontrabaßrepertoires ebenso wie als Rockbassist in der „Rocky Horror Show“ – eine kreative Breite, die vom Orchestergraben der Wiener Staatsoper bis zur Eröffnung der Salzburger Festspiele und in die Carnegie-Hall, wo er solistisch und mit seinem Baßgeigenquartett aufgetreten ist, vom alternativen Tanzstudio bis in den Kammermusiksaal reicht und Jugendarbeit mit großer Selbstverständlichkeit einschließt.
Franz Pillinger wurde 1960 geboren und ist in seiner Familie nicht der einzige Musiker. Von frühester Kindheit an stand Musik im Mittelpunkt. Der Großvater war Baßgeiger, hatte ein eigenes Tanz- und Salonorchester, spielte aber auch auf Hochzeiten und Begräbnissen mit der Trompete. In der Big Band seiner Söhne waren immer wieder hervorragende Jazzmusiker aus den USA zu Gast. Der kleine Franz, der schon den Baßschlüßel beherrschte, bevor er novh des Lesens und Schreibens mächtig war und bereits mit 9 Jahren in die Klavierklasse der Hochschule Mozarteum aufgenommen wurde, interessierte sich sehr bald schon auch für die verschiedenen Formen des Jazz. Nach seinem 16. Geburtstag machte er zwei Jahre lang nur Free Jazz – nahezu täglich. Seine Lehrer und Partner waren u. a. Benny Baily, Mike Longo, Barre Phillips, Bill Elgart, Roger Jannotta und der Vibraphonist Tom van der Geld. In dieser Zeit beschäftigte er sich auch mit der Musik Indiens und nahm Tabla-Unterricht bei Hom Nath Upadyaya. Anschließend studierte er an den Musikhochschulen in Salzburg, Wien und Graz Kontrabaß, Klavier und Harmonikale Grundlagenforschung.
Schon während der Studienzeit konzertierte er als Klassik- und Jazzsolist, nicht nur in Österreich, sondern auch international. So gewann er beim Menuhin-Wettbewerb 1985 in Paris den 1. Preis im Fach Jazz. Als Solobassist in Sandor Vegh‘s Camerata Academica erlernte er die europäische Kammermusiktradition auf allerhöchstem Niveau. Mit dem Salzburger Eliteensemble durfte er sich vier mal über den Prix de disque freuen.

Als Baßgeigensolist tritt Pillinger bei Klassik-Festivals (Kopenhagen, Paris, Ludwigsburg, Besancon etc. ) und im Avantgarde-Bereich (Barcelona, Budapest, Vilnius u. a. ) in Erscheinung. Seit 1991 ist der Künstler immer wieder bei den conventions der International Society of Bassists (ISB) in den USA und in Europa vertreten. Gary Karr, der große amerikanische Virtuose und ISB-Gründer, schrieb über Pillinger: „the most creative and talented musician, composer and artist playing the contrabass today. “
Noch während seiner Studienzeit besuchte Pillinger eine Konzert von Gary und war tief beeindruckt von dieser überragenden Persönlichkeit unter den Solobassisten der Gegenwart. Später hatte er Gelegenheit, mehrere masterclasses bei Gary Karr zu besuchen – eine künstlerische Begegnung, die für seine eigene Entwicklung von großer Bedeutung war. Mittlerweile hält Pillinger eigene masterclasses an den Universitäten von Columbia/N. Y. ,
Iowa, Indianapolis, Vilnius, Curitiba, Goiania, München und am Konservatorium der Stadt Wien. Sein Schüler Stefan Ehrenfellner gewann 1997 den 1. Preis für Kontrabass Solo beim österr. Jugendwettbewerb Prima la Musica.
Beim ISB-Wettbewerb in Houston war Franz Pillinger Mitglied der Jury für klassischen Solobass. Für die Salzburger Musikschule hat Pillinger die erste Kinder-Kontrabaßklasse in Österreich aufgebaut.
Lange Zeit stand die Arbeit mit und für Baßquartett an ertser Stelle. Mit großem Erfolg spielt das Ensemble seit 1983 hunderte Konzerte in Europa und den USA. Darunter bei den Salzburger Festspielen, Ludwigsburger Festspielen, im Wiener Konzerthaus, in der litauischen Nationalphilharmonie Vilnius und in der New Yorker Carnegie Hall.
So erhielt Pillinger 1996 den Titel „Champion of this kind of instrumentation“ (ISB XXI/2).
Seit 1983 entstanden an die 400 Arrangements aller Stilrichtungen von der Renaissance bis zum Jazz, vier eigene Quartette und das Quintet sur le nom del Maitre Gary Karr, welches mit dem Grand Prize des ISB-Kompositionswettbewerb 1999 ausgezeichnet wurde.

Pillingers Komponieren geht jedoch weit über sein Instrument hinaus. Er verbindet unterschiedliche Musikstile und Mittel, um sein Konzept Fantastisches Musiktheater umzusetzen.
Nach Pyramide und Geistertrilogie gewann er mit der Performance Gala de dos 1989 den Kompositionspreis des WDR in Köln. Zum Mozartjahr 91 folgte Ins Licht gestorben, eine Fortsetzung des Requiem-Fragments mit dem japanischen Butoh-Tänzer Tadashi Endo, Solisten, Chor, Orchester und ethnical extra players. Das Werk wurde im Großen Festspielhaus in Salzburg uraufgeführt. Mit Endo, dessen großartige Ausdruckskunst, in ihrer ebenso archaischen wie berührenden Komplexität, sich besonders schön mit Pillingers Baßstil verbinden läßt, erarbeitete der Komponist 97 eine faszinierende Paraphrase über Schuberts Winterreise, wobei er gezielt Elektronik einsetzte. Seither arbeiten die beiden Künstler kontinuierlich zusammen;Tourneen führten sie nach Deutschland, Japan und in die USA.

Ein weiteres Musiktheater ist Eros-ion (1993) mit den bedeutendsten jungen österreichischen Choreografen Madl/Ebner, das den Anerkennungspreis des öst. Kulturministeriums erhielt.
Superstition (1995) kombiniert eine Solobaßgeige mit einem einstündigen Video, I am because you are den Solobaß mit Fotografie (1998). In beiden Werken haben die optischen Medien das Instrument Kontrabaß zum inhaltlichen Programm.
Franz Pillinger schreibt aber immer wieder auch für Orchester, Chor, Kammermusikensembles; Musik für Theater und Film. Unter dem Titel WAM entsteht derzeit ein umfangreiches Crossoverprojekt zum Mozartjahr 2006.

Der Kontrabaß als Soloinstrument wird aber selbstverständlich auch in Zukunft eine bedeutende Rolle in seinem Schaffen spielen. Entwickelt er doch noch immer neue Bogen- und Pizzicatotechniken, außerdem eigene Spielweisen mit verschiedenen Percussionsticks aus Holz, Bambus, Plastik, mit chinesischen Eßstäbchen, Metallen, div. Kugeln, Slidefingern aus Messing, Brushes u. a. – überdies bezieht er alle Teile seines Instrumentes in das Spiel ein, Stachel, Saitenhalter, sämtliche Teile des Holzkorpus. All dies dient der Entdeckung neuer Klangwelten.

2000 komponiert Pillinger zwei Stücke für die Zeit-Akademie Tutzing und das Österreichische Ensemble für Neue Musik, die um die Thematik Zeit und Zeitenwende kreisen: Music is the game of time für Solobaßgeige und Orchester.
Für 2001/2 ist ein Werk für Kontrabaßorchester in Arbeit: Scoglio Pomo-Insel der Seeligen, nach einer Erzählung des großen österr. Satiriker und Surrealisten Fritz von Herzmanovsky- Orlando.
Zu den Surrealisten und Dadaisten hat Pillinger überhaupt eine starke Affinität, mit dem Solostück Suite Surreliste hat er 1994 den Kompositionspreis von Musique Contemporaine Deux in Avignon gewonnen.
Der Künstler bezieht starke Impulse für seine Arbeit aus der Beschäftigung mit Literatur, Geschichte, Bildender Kunst und nicht zuletzt der Natur. Wichtig sind ihm die japanische Zen-Architektur, die chinesische Tao-Denkweise und indianische Traditionen.

Dementsprechend gilt sein Interesse seit 2001 auch akustischer Umweltgestaltung und Klangökologie (Hörweg 1 mit W. Raditschnig).

Was Pillinger noch immer reizt, ist es, mit seinem Baß alleine auf der Bühne zu stehen – ohne Elektronik oder sonstige Unterstützung. Einfach ein Mann mit seinem Instrument, den Klang aushorchend.
Ab 2002 wird das Soloprogramm „Basstravellers Storybook / Tagebuch eines Baßreisenden“ zweisprachig zu hören und zu sehen sein!

Am Schluß möge eine Aussage des Kritikers Walter Kräutlers stehen: Pillinger ist ein Meister auf seinem Instrument, aber noch weit mehr, er ist ein Mensch der die Türen öffnen kann und es auch tut, um das Urmusikalische, das noch nicht in Perfektion erstarrte Virtuosentum, hereinzulassen.

(von G. F. Kasparek, veröffentlicht unter Frontier Pioneer in The DOUBLEBASSIST 1999)

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